Herr Ewers, könnten Sie vielleicht zunächst etwas zum Unternehmen Abdi Farma sagen?
Michael Ewers: Abdi Farma ist die deutsche Niederlassung des türkischen Pharmaunternehmens Abdi Ibrahim. Als Abdi Farma GmbH sind wir seit April 2022 auf dem deutschen Markt tätig. Wir sind ein Generika-Unternehmen und unser Fokus liegt auf verschreibungspflichtigen Medikamenten. Da wir produktionstechnisch sehr gut sind und auch, was die Kosten angeht, gut aufgestellt sind, waren wir zum Beispiel bei Rabattverträgen sehr erfolgreich – von zehn Verträgen, die wir hätten bekommen können, haben wir sieben gewonnen. Das hat uns eine gute Präsenz in der Apotheke verschafft. In Deutschland gibt es rund 500 generische Unternehmen, und wir sind innerhalb von knapp drei Jahren auf Platz 61 geklettert. 

Abdi Farma hat im letzten Jahr eine Partnerschaft mit dem Verein Borussia Dortmund vorgestellt und in diesem Rahmen auch die Aufklärungsaktion „Mental stark beginnt leise“ präsentiert. Warum engagieren Sie sich im Bereich Mental Health?
Nach unserem erfolgreichen Start in Deutschland haben wir uns die Frage gestellt, was wir eigentlich über unser Unternehmen erzählen wollen. Was ist, wenn wir eines Tages auf Platz 30 sind? Geht es dann immer noch nur um das Produkt oder nur um einen Rabattvertrag? Neben Produktqualität und Preis muss man als Unternehmen für Werte stehen. Das ist ganz wichtig, denn der Apotheker fragt sich natürlich, warum er Abdi und nicht Ratiopharm oder Hexal empfehlen soll. 
Unser Mutterkonzern setzt stark auf das Thema Nachhaltigkeit, aber das muss man heute ohnehin machen. Wenn du nicht sustainable bist, dann hast du keine Zukunft. Nachhaltigkeit ist keine Kür mehr, sondern Pflicht. 

Wie sind Sie dann gerade auf das Thema mentale Gesundheit gekommen?
Es bestand zunächst schon ein Kontakt zu den Verantwortlichen bei Borussia Dortmund – nebenbei bemerkt: der Verein passt übrigens sehr gut zu unseren türkischen Wurzeln, denn im Ruhrgebiet gibt es nicht nur eine große türkische Community, sondern auch türkische Fußballprofis haben eine lange Tradition beim BVB. In diesem Fußballkontext wurden wir darauf aufmerksam, dass der englische Verein Norwich City FC mit viralen Kampagnen für das Thema Mental Health sensibilisiert und seine Fans dazu auffordert, auf ihre Nachbarn auf der Tribüne zu achten. 
Ein Video hat mich dabei besonders berührt. Es zeigt immer wieder zwei Fans bei unterschiedlichen Spielen, und während der eine lautstark mit dem Verein feiert oder auch leidet, ist der andere in sich gekehrt und wirkt beinahe gleichgültig. Irgendwann liegt dann ausgerechnet auf dem Platz des „starken“ Mannes nur noch der Norwich-Schal. Die Botschaft: Der, von dem es niemand erwartet hätte, hat sich das Leben genommen. 
Das ist die emotionale Seite. Wenn man das Ganze dann noch rational betrachtet: Laut Robert Koch-Institut sinkt die Zahl der Erwachsenen in Deutschland, die ihre mentale Gesundheit als „sehr gut“ bezeichnen, immer weiter: Waren es 2021 noch 46 Prozent, ist dieser Anteil 2024 auf rund 36 Prozent gesunken. Daher haben wir beschlossen, uns dieses Themas anzunehmen – wir in der Apotheke und Borussia Dortmund im Stadion und über die sozialen Netzwerke.

Wie gehen Sie dabei vor?
Ich bin als junger Mann in die Pharmaindustrie gegangen, weil mir bewusst war, dass Gesundheit mehr ist als ein Gut oder ein Wert. Gesundheit ist die Voraussetzung für alles andere. Nur wer gesund ist, kann auch Werte schaffen. Ich bin kein Wissenschaftler, der erst einmal eine große Studie veranlasst, um dem Thema Mental Health komplett auf den Grund zu gehen und dann evidenzbasiert Maßnahmen zu entwickeln. Mir war es wichtig, direkt eine Plattform zu schaffen und schnell ins Handeln zu kommen. Dabei fangen wir erst einmal relativ klein an und wollen unsere Initiative dann nach und nach ausbauen.

Was meinen Sie mit dem Slogan „Mental stark beginnt leise“?
„Leise“ bedeutet, in sich zu blicken und sich zu fragen „Höre ich überhaupt auf mich selbst?“. Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, die sich diese Frage noch nie gestellt haben, weil sie gar nicht wissen, was es bedeutet, auf sich selbst zu hören. Häufig geht es ja nur darum zu funktionieren. Aber wenn man sich das bewusst gemacht hat, ist schon der erste Schritt getan. Denn wenn man damit begonnen hat, auf sich selbst zu hören, dann fällt es auch leichter, den nächsten Schritt zu gehen. Wir sind keine Therapeuten. Aber wir wollen den Weg bereiten und Menschen dazu animieren, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Wie genau bringen Sie das Thema in die Apotheken?
Wir setzen zunächst vor allem auf Information. Wir haben eine Broschüre, die sich an das Apothekenpersonal richtet. Sie enthält grundlegende Informationen und Tipps, worauf man bei den Kundinnen und Kunden achten sollte und wie man sie beim Thema mentale Gesundheit ansprechen kann. Es sind darin aber auch Anregungen für mehr Mental Health im eigenen Team zu finden. 
Zur Abgabe an die Kundinnen und Kunden stellen wir ebenfalls Informationsmaterial zur Verfügung. Hier weisen wir auch auf die Webseite www.mental-stark.de hin. Laut WHO-Definition ist mentale Gesundheit „ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann”. Was diesen Zustand gefährden kann, welche präventiven Maßnahmen sinnvoll sind und wann professionelle Hilfe ratsam ist, darüber informieren wir auf der Webseite in allgemein verständlicher Sprache. Mit einem validierten Selbsttest bieten wir darüber hinaus eine erste Orientierung zur persönlichen seelischen Gesundheit und im „Experteninterview“ gibt ein psychologischer Psychotherapeut praktische Tipps. 
Wir sehen uns in erster Linie als Partner der Apotheken und wollen Support mit einem konkreten Nutzen liefern: Die Kundinnen und Kunden aktiv und kompetent auf ihre seelische Gesundheit ansprechen zu können, bietet einen Mehrwert und stärkt die Kundenbindung. Zusätzlich bei sich selbst und im eigenen Team für mentale Gesundheit zu sorgen, erhöht außerdem die Zufriedenheit bei der Arbeit und senkt das Ausfallrisiko.

Sind in Zukunft weitere Maßnahmen geplant?
Uns ist es zunächst wichtig, eine solide Plattform zu schaffen, von der aus wir dann weitere Schritte machen können. Beispielsweise planen wir, im nächsten Schritt eine Online-Community aufzubauen, um einen offenen Dialog und den Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen und Gleichgesinnten zu fördern.
Natürlich ist bei diesem Thema vieles denkbar. Wir wollen Schritt für Schritt vorgehen. Erst einmal machen und dann schauen: Ist es erfolgreich? Kann ich den Erfolg messen? Kann man es weiterführen? Wenn man das kann, ist das cool. Und dann können wir uns konkret überlegen, welche Schritte wir als nächstes gehen wollen. Mehr kann man natürlich immer tun, aber jetzt wollen wir zunächst mal überhaupt einen Beitrag leisten – das ist das, was für uns zählt.

Herr Ewers, vielen Dank für das Gespräch.