Ihm gehe es nach mittlerweile drei Jahren Informationsflut zum Thema KI so, dass er dessen allmählich überdrüssig werde, sagte Mitveranstalter Tino Niggemeier in seiner Begrüßung. Denn statt weiter nur darüber zu reden, müsse es nun darum gehen, „dass wir fokussieren, dass wir priorisieren und dass wir ins Handeln kommen“, betonte Niggemeier. Es dürfe nicht mehr darum gehen zu fragen „Was kann die KI?“, sondern die entscheidende Frage laute „Was mache ich mit der KI?“.
Die Tücken und Hürden liegen für den xeomed-Gründer dabei in einer echten Integration in die Prozesse, in die Teams und vor allem in den beruflichen Alltag der einzelnen Mitarbeitenden – und deshalb sei das Ziel der Veranstaltung, in den elf Vorträgen sehr praxisnahe, gut umsetzbare Impulse zu setzen.
„Hebelwirkung in unendlichem Maßstab“
Unter dem Titel „AI in Action“ ging es dann auch direkt sehr praktisch los, denn Niklas Volland, Gründer & Geschäftsführer der gleichnamigen KI-Unternehmensberatung, hatte ein Beispiel vorbereitet, um es mit verschiedenen Tools durchzuexerzieren. Doch um die immens große Bedeutung von KI zu verdeutlichen, stellte er seinem Vortrag ein Zitat von Nawal Ravikan, einem amerikanisch-indischen Unternehmer und Investor, voran, dass seiner Meinung nach die Magie rund um Künstliche Intelligenz auf den Punkt bringt: „KI ist Hebelwirkung im unendlichen Maßstab. Ein kluger Prompt kann so viel Wert sein wie 1.000 Stunden Arbeit.“
Was diesen Hebel unter anderem so wirkungsvoll macht, ist das sogenannte „Vibe Coding“, die Programmierung mithilfe Künstlicher Intelligenz: Man muss also nicht mehr selbst programmieren, sondern kann einem entsprechenden Tool in natürlicher Sprache beschreiben, was man will – die Programmierung erledigt dann die KI, was Volland am Beispiel eines interaktiven Dashboards zeigte, das Zahlen einer fiktiven Social-Media-Kampagne visualiserte.
Kein Unternehmen werde an KI vorbeikommen, und Sorgen oder sogar Ängste, dass KI Jobs vernichten werde, sind für Volland weitgehend unbegründet. Was er mit einem Zitat des Nvidia-CEOs Jen-Hsun Huang untermauerte: „KI wird dir nicht den Job wegnehmen. Sondern die Person, die KI benutzt, wird dir den Job wegnehmen.“
Anschließend demonstrierte Volland ganz praktisch, welche Möglichkeiten unterschiedliche KI-Tools bieten. Er startete mit dem Tool „Claude“, mit dessen Hilfe er ein fiktives Pharmaunternehmen konzipierte. Vorgaben waren unter anderem „deutscher Mittelständler, inhabergeführt, sehr innovativ, aber auch mit langer Historie und traditionellen Werten“. Das Tool machte unterschiedlichste Namensvorschläge – Volland entschied sich für Weltrion Pharma. Anschließend ließ er „Claude“ ein Konzept für das Unternehmen bauen, in dem alles enthalten war, was man benötigt – Organisationsstruktur, Standorte, Produkte, aber auch beispielsweise kulturelle Spannungsfelder und strategische Herausforderungen.
Dann lud der KI-Experte dieses Konzept im Tool „Gamma“ hoch und ließ sich eine Präsentation erstellen. Doch natürlich brauchte Weltrion Pharma auch eine Brand Identity. Hierfür nutzte Volland „Loveart“, den weltweit ersten KI-Design-Agent. Der generiert komplette Marken-Ökosysteme aus einem einzigen Prompt: Logo, Farbsystem, Typografie, Verpackungsdesign, Social-Media-Assets und mehr.

Niklas Volland. Quelle: MAVIgroup
Im nächsten Schritt brachte Volland „Loveable“ ins Spiel: Dieses Tool erstellte auf Basis der vorangegangenen Schritte dann eine Webseite für Weltrion Pharma, inklusive eines HCP-Fachportals. Doch was ist Weltrion ohne Geschäftsführerin? Mithilfe von „HeyGen“ erweckte Volland „Dr. Katharina Fellmann“ zum Leben, denn das Tool bietet die Möglichkeit, auf Basis eines Fotos oder kurzen Videoclips KI-Avatare zu erstellen, die wie echte Personen sprechen und gestikulieren. Zudem können die Videos in so gut wie jede denkbare Sprache übersetzt werden – mit lippensynchroner Sprachausgabe, die die Originalstimme und Mimik beibehält.
„Wir brauchen aber natürlich noch einen Werbespot für unsere Medikamente“, kam Volland zum abschließenden Schritt seiner Praxisvorführung. Seit kurzem gebe es mit „Seadance 2.0“ ein KI-Videogenerierungs-modell, das so unglaublich leistungsstark sei, dass es ihn „komplett weggehauen“ habe. „Ihr könnt mit einem Prompt bis zu 15-sekündige Sequenzen machen – mit Übergängen, mit cinematischen Kameraperspektiven, mit Charakteren“, während man bisher jede Sequenz einzeln bauen und sie dann aneinanderreihen musste.
Die Qualität der Ergebnisse in den unterschiedlichen Tools hängt aber natürlich immer von der Qualität der Prompts ab. Auch hierfür hatte Niklas Volland einen Praxistipp: „Wie schreibt man eigentlich die besten Prompts?“ Die Antwort lautete „Gar nicht!“. Sondern man lässt sie schreiben – natürlich von einer KI.
Qualität sicherstellen und Wissen verfügbar machen
In jedem Unternehmen gebe es einige besonders exzellente Mitarbeiter, sagte Carina Holzapfel einleitend in ihrem Vortrag, aber deren Zahl sei begrenzt und sie könnten auch nicht überall und in jedem Projekt am Start sein. Eine Abhilfe könnten hier KI-Agenten sein, denn diese seien immer vefügbar – und das besonders Schöne daran, so die Head of Business Development bei xeomed: „Sie werden jeden Tag besser!“.
Bei xeomed hat man bereits über 50 KI-Agenten gebaut, und zwar nicht für Kunden, sondern für interne Zwecke. Trotz dieser großen Zahl stehe man aber auch bei xeomed diesbezüglich immer noch am Anfang, so Holzapfel. „Unsere Motivation bei diesem Thema ist nicht die Zeitersparnis – es geht uns nicht in erster Linie darum, Dinge zu automatisieren und zu beschleunigen –, sondern unser Qualitätsanspruch“, stellte sie klar. „Wir wollen die beste Version unserer selbst permanent verfügbar machen.“ Es gehe auch nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern das Wissen der besten Köpfe des Unternehmens wie ein Qualitäts-Backup zu erstellen.
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Carina Holzapfel. Quelle: MAVIgroup
Doch wie geht man vor, wenn man einen KI-Agent erstellt? Zunächst müsse man einen immer wiederkehrenden Prozess in seine Teilschritte zerlegen. Die Frage, die man sich bei xeomed gestellt hat: „Welche Arbeitsschritte machen unsere besten Mitarbeiter immer wieder?“ Als Beispiel griff sich Carina Holzapfel für ihre Präsentation die Bewertung eines Werbemittels heraus. xeomed setze im Auftrag von Pharmaunternehmen viele Kampagnen um, und bekomme dafür auch fertige Anzeigen der Kunden. Eine Kampagne sei aber immer nur so gut wie das Werbemittel, weshalb man dieses immer erstmal einer Prüfung unterziehen müsse. Ein typisches Thema einer solchen Prüfung sei die Frage, für welchen Kanal das Werbemittel bestimmt sei, denn für einen Onlineshop benötige man ein ganz anders aufgebautes als beispielsweise für einen Instagram-Kanal. Das zweite Thema sei die Bedürfnisanalyse: „Spricht mich die Botschaft überhaupt an?“ Der dritte Gegenstand der Prüfung sei, ob das Werbemittel HWG-konform ist. Die xeomed-Experten würden nach dieser Prüfung eine Bewertung abgeben, ob alles passt, und falls das nicht der Fall ist, Vorschläge machen, was verändert werden sollte. „Genau diese Prüfung kann aber auch ein KI-Agent – der sogenannte ‚Bedürfniskollege‘ – erledigen“, so Holzapfel. Am Ende von dessen Prüfung bekommt man dann eine Art Checkliste, in der der KI-Agent darstellt, was gut und was (möglicherweise) schlecht ist. Ganz wichtig, so Carina Holzapfel: „Eine KI tendiert immer dazu, positiv zu sein. Wenn ich eine kritische Stimme will, muss ich die KI sehr ‚scharf‘ einstellen.“
Holzapfel betonte, dass jeder KI-Agent bei xeomed nur vorbereitend tätig sei. „Am Ende entscheidet bei uns immer der Mensch!“ Die mehr als 50 KI-Agenten sind bei xeomed in vier Bereichen tätig: Consulting, Kampagnen, Content und Operations/Backoffice. „Das Ganze ist keine Tool-Sammlung, sondern ein Team“, stellte Holzapfel klar. Um ein solches Teams zu bauen, müsse man im ersten Schritt schauen, bei welchen Abläufen man immer die gleiche Qualität benötigt. Im zweiten geht es darum zu überlegen, welche Abläufe als erstes angegangen werde sollten, zum Beispiel weil sie die größte Wertschöpfung liefern. „Bevor ich aber den ersten Agenten erstelle, muss ich ein Organigramm haben“, so Carina Holzapfel, denn die Agenten müssten am Ende ja gut zusammenarbeiten können. Und eines sei natürlich ganz entscheidend für die Qualität: „Testen, testen, testen.“ Und schließlich brauche man einen „Meta-Agenten“, der die einzelnen KI-Agenten miteinander vernetzt, denn erst dann zeige sich der wahre Wert.
KI-Integration in einem Pharmaunternehmen
Roland Krock, Geschäftsführer von Ethypharm für die DACH-Region, berichtete, wie er das Thema KI strukturiert in seinem Unternehmen verankert. Krock wollte von Anfang an keinen unstrukturierten „Tool-Rollout“, sondern einen klaren, unternehmensweiten Prozess zur Identifikation und Priorisierung von Use Cases inklusive Business Cases und KPIs, um KI strategisch, wirtschaftlich und kulturell zu etablieren.
Am Anfang stand ein KI-Potenzialcheck mit einem ersten Inhouse-Workshop, bei dem 13 der 27 Mitarbeitenden crossfunktional eingebunden wurden, um Prozesse, Datenlagen und mögliche KI-/Analytics-Einsatzfelder zu erfassen. Darauf aufbauend wurde in rund fünf Wochen eine strukturierte Roadmap bis zum Kickoff umgesetzt. Ein Core-Team mit acht Mitarbeitenden aus verschiedenen Bereichen treibt seitdem die Vertiefung und Priorisierung voran.
Für Roland Krock ist das „KI Mission Statement“ von großer Bedeutung, ebenso den Mitarbeitenden eine Guideline zu geben und ihnen möglich Ängste zu nehmen. „Die menschliche Expertise steht für uns ganz klar im Vordergrund“, betonte der Ethypharm-Geschäftsführer. „Wir als Menschen stehen immer in der Verantwortung.“ Aber die KI helfe, Daten zu verarbeiten, zu erkennen, zu sehen und besser nutzbar zu machen, Prozesse zu optimieren, Denkanstöße zu bekommen. Es gehe darum, die Dinge, die die KI tun kann, auch von dieser erledigen zu lassen und die Mitarbeitenden auf diese Weise zu entlasten, sodass sie sich mit wertschöpfenderen Themen beschäftigen können. Es gehe also um Qualitätsverbesserung, um Geschwindigkeit sowie um Entscheidungsfähigkeit – und da es um Medikamente gehe, bildeten Datenschutz, Ethik, und Qualität natürlich die Leitplanken.
Ein ganz entscheidender Aspekt bei der nachhaltigen Verankerung von Künstlicher Intelligenz in einem Unternehmen ist für Roland Krock, alle Mitarbeitenden konsequent mitzunehmen und so Silos zu vermeiden. Dazu gehöre eine transparente Kommunikation, um Erwartungen zu steuern und Vertrauen zu bilden. Und er empfahl, fehlende KI-Expertise gezielt extern zu ergänzen, um mit KI wirklich strukturiert und strategisch zu starten – und eben nicht „planlos“.
Der 3. KI-Pharmaday von xeomed und MAVIgroup findet am 26. November 2026 in München statt. Da die Veranstalter besonderen Wert auf eine persönliche Atmosphäre und den direkten Austausch legen, ist die Anzahl der Plätze limitiert. Die Vergabe erfolgt nach dem Prinzip „first come, first served“: https://ki-pharmaday.de/anmeldung
